Hauptsache eine Lehre!

Typische Sprüche und was dahintersteckt

Ob zuhause, in der Schule oder auch unter Freunden: Im Moment dreht sich bei dir alles nur ums Thema Lehre? Da gibt es eine Menge Fakten, aber auch Vorurteile.
Treffer klärt, was wirklich stimmt.

 

„Mit einer Lehre kannst du nichts falsch machen!“

Carsten Taudt

STIMMT – auch wenn das unglücklich formuliert ist. Denn eine Lehre um der Lehre willen zu machen, hat jede Menge Frustpotenzial – weil man dann nicht genau weiß, worauf man sich einlässt. Viel besser ist es, sich erstmal zu überlegen, welche Talente und Fähigkeiten du hast und in welchen Beruf du die wohl am besten einbringen kannst. „Nichts falsch machen“ – das klingt auch nicht gerade motivierend. Vielleicht wäre es besser zu sagen: Mit einer Lehre machst du jede Menge richtig! Denn eine Lehre ist keine Sackgasse. Wenn man erstmal einen Abschluss in der Tasche hat, kann man darauf aufbauen.

DAS SAGT DER EXPERTE. „Eine betriebliche Ausbildung ist für die meisten Schulabgänger nach wie vor der beste Einstieg ins Berufsleben und eine verlässliche Grundlage für das ganze Leben“, so Carsten Taudt, Leiter des Geschäftsbereichs Bildung bei der Industrie- und Handelskammer (IHK) Nord Westfalen. „Die praktische Arbeit motiviert und bringt schnell Klarheit über die weiteren Berufsziele. Und heutzutage stehen von dieser Basis aus alle Wege offen. Mit einer betrieblichen Ausbildung hat man jede Menge interessante Karrierechancen!“

Carsten Taudt, Leiter des Geschäftsbereichs Bildung bei der Industrie- und Handelskammer (IHK) Nord Westfalen

 

„Einen Beruf hast du dein Leben lang!“

Thorsten Hülsmann

STIMMT – denn die grobe Richtung sollte schon passen. Aber der Arbeitsmarkt ist heute so durchlässig, dass du mit einem einmal erlernten Beruf später viele neue Richtungen ausprobieren kannst. In mittelständischen Unternehmen (meist familiengeführt, bis 500 Mitarbeiter) kannst du dich mit einem breiten Wissen und viel Engagement in neue Bereiche katapultieren, in Konzernen hast du die Möglichkeit, dich zu spezialisieren. Neue Informations- und Kommunikationstechnologien werden deinen Job ohnehin über die Jahre immer wieder verändern und spannender machen – das gilt z.B. für die Logistik.

DAS SAGT DER EXPERTE. „In kaum einer anderen Branche haben sich Berufsbilder in den vergangenen Jahren so sehr verändert wie in der Logistik. Das gilt für die Fachkraft für Lagerlogistik ebenso wie für den Diplom-Logistiker“, so Thorsten Hülsmann vom EffizienzCluster LogistikRuhr. „Intelligente Container, autonome fahrerlose Fahrzeuge und Apps für logistische Dienstleistungen machen die Logistik auf Jahre hinaus zu einem spannenden Berufsfeld, in dem sich immer wieder etwas Neues tun wird.“

Thorsten Hülsmann, Geschäftsführer der EffizienzCluster Management Gesellschaft

 


48 %

aller Azubis wechseln nach einer abgeschlossenen Ausbildung in den erlernten Beruf.

31,7 %

arbeiten in einem mit ihrer Ausbildung verwandten Bereich.

16,2 %

orientieren sich komplett neu.

Quelle: Institut für Berufsbildung


„Schuster, bleib‘ bei deinem Leisten!“*

Volker RückertSTIMMT NICHT! In deiner Familie sind alle Handwerker, aber du willst Industriekaufmann werden? Die Zeiten, in denen Berufe in der Familie gewissermaßen „vererbt“ wurden (wie z.B. der Bergmann in den Familien des Ruhrgebiets), sind endgültig vorbei. Das gilt auch für die klassische Teilung zwischen Männer- und Frauenberufen. Allerdings ist es immer noch so, dass Jungs eher technische Berufe ergreifen und Mädchen eher soziale. Es gibt aber viele Initiativen, das zu ändern – also  von wegen: Schuster, bleib bei deinem Leisten!

DAS SAGT DER EXPERTE. „Wir setzen alles daran, Mädchen eventuelle Berührungsängste vor sogenannten Männerberufen zu nehmen und ihnen zu zeigen, wie modern und interessant das Handwerk ist“, sagt Volker Rückert, Ausbildungsberater bei der Handwerkskammer Dortmund. „Das Handwerk mit seinen mehr als 130 Ausbildungsberufen bietet sowohl Männern als auch Frauen hervorragende Karrieremöglichkeiten.“

Volker Rückert, Ausbildungs­berater bei der Handwerkskammer Dortmund

 

„Du sollst es mal besser haben als ich.“

Deine Eltern versuchen dir so ein Studium schmackhaft zu machen, obwohl du selbst eigentlich eher zu einer Ausbildung tendierst? Da helfen nur zwei Dinge: Informationen und Zeit. Zeig deinen Eltern, dass du dich mit dem Beruf beschäftigt hast und dass du für ihn brennst. Vielleicht kannst du ein Praktikum machen, dass sie (und dich) in der Berufswahl bestätigt. Und wenn sie sehen, dass du dran bleibst, erledigt sich der Fall von selbst.

DAS SAGT DER EXPERTE. „Auch Abiturienten müssen nicht zwangsläufig studieren, um eine interessante berufliche Karriere zu machen“, so Carsten Taudt von der IHK Nord Westfalen. „Gerade in den vielen mittelständischen Familienunternehmen in unserer Region sind aufgrund flacher Hierarchien schnelle Karrieren in interessanten Aufgabengebieten möglich. Auch die Gehälter von Fach- und Führungskräften aus der beruflichen Fortbildung sind in vielen Positionen mit der Bezahlung von Hochschulabsolventen absolut vergleichbar.

Carsten Taudt, Leiter des Geschäftsbereichs Bildung bei der Industrie- und Handelskammer (IHK) Nord Westfalen

 


Schon gesehen? Schock deine Eltern mach eine Lehre.
Infos von der Industrie- und Handelskammer NRW
www.schockdeineeltern.de


„Lehrjahre sind keine Herrenjahre.“**

STIMMT – das heißt aber nicht, dass du derjenige bist, der Kaffee kocht, die Werkstatt aufräumt, die Akten in den Keller schleppt oder Botengänge für Kollegen übernimmt. SolcheHeike Tahden-Farhat einfachen Aufgaben gehören zwar dazu, sie dürfen aber nicht überhandnehmen. Wenn dich jemand mit dem Spruch nervt: Erklär ihm, warum du die Wand hochgehst – weil du nach einem Tag, an dem du überwiegend gefegt und geputzt hast, total desillusioniert bist und einfach nur hoffst, dass die Ausbildungszeit vorbei ist. Klar: Wenn man keinen positiven Bezug zu seiner Arbeit hat, fühlt man sich oft einfach nur erschöpft.

DAS SAGT DIE EXPERTIN. „Azubis müssen keine Arbeiten ausführen, die eindeutig nicht dem Ausbildungsziel dienen. Das entbindet sie aber nicht vom Aufräumen der Werkstatt oder des Büros“, sagt Rechtsanwältin Heike Tahden-Farhat. „Grundsätzlich müssen Auszubildende während ihrer Ausbildung einen sogenannten Ausbildungsnachweis führen. Dadurch wird der zeitliche und sachliche Ablauf der Ausbildung im Betrieb und in der Berufsschule für alle Beteiligten nachweisbar gemacht.“

Heike Tahden-Farhat, Rechtsanwältin in Gevelsberg

 


* Im vierten Jahrhundert nach Christus wies der Maler Apelles mit diesem Satz einen Schuster zurecht, der sein Werk kritisiert hatte (fürs Fleißkärtchen: Der Leisten ist das Holzmodell für einen Schuh, das nach dem Originalfuß des Kunden gefertigt wird). Gemeint ist damit: Tu nichts, wovon du nichts verstehst!

** Oder auch: „Vor den Erfolg haben die Götter den Schweiß gesetzt“, „Jeder hat mal klein angefangen.“ Und: „Es ist noch kein Meister vom Himmel gefallen…“


Foto:  Adobe Stock