Jungs- oder Mädchensache?

Langsam, aber sicher weichen die alten Rollenbilder auf: Mädchen ergreifen technische, Jungen soziale Berufe. Warum auch du dich trauen solltest

Wenn man sich die meistgewählten Ausbildungsberufe in Deutschland anschaut, dann scheint es immer noch klassische Männerberufe und Frauenberufe zu geben. Laut Bundesinstitut für Berufsbildung stehen bei den Mädchen kaufmännische Berufe – z. B. Kauffrau für Büromanagement, im Einzelhandel, im Groß- und Außenhandel sowie Industriekauffrau –, Medizinische und Zahnmedizinische Fachangestellte, Verkäuferin und Fachverkäuferin im Lebensmittelhandwerk sowie Hotelfachfrau und Friseurin ganz oben auf der Liste. Bei den Jungen liegen nach dem Kfz-Mechatroniker, der mit großem Vorsprung die Spitzenposition einnimmt, der Elektroniker, der Kaufmann im Einzelhandel, der Industriemechaniker, der Anlagenmechaniker Sanitär-, Heizungs- und Klimatechnik, der Fachinformatiker, der Verkäufer, die Fachkraft für Lagerlogistik sowie der Kaufmann im Groß- und Außenhandel bzw. der Kaufmann für Büromanagement weit vorne. Warum aber wollen nur so wenige Mädchen Computernetzwerke aufbauen, warum nur so wenige Jungen den Alltag in einer Arztpraxis organisieren?

 


In der Regel werden Berufe als Männer- bzw. Frauenberufe bezeichnet, wenn der Anteil des jeweiligen Geschlechts bei mehr als 80 Prozent liegt.


 

Experten glauben, dass Jungen und Mädchen sich bei der Berufswahl immer noch von den Jobs ihrer Eltern und anderer Familienangehöriger leiten lassen. Und vor 20, 30 Jahren, da waren Jungs- und Mädchenberufe fast noch in Stein gemeißelt. Das gilt erst recht für die Großelterngeneration. Sogar heute noch sind auf Werbebroschüren für technische Berufe oft nur männliche Mitarbeiter abgebildet und bei Berufen wie Erzieher/in meist Frauen. Warum eigentlich? Sind Jungs „unsozial“ und Mädchen ungeschickt? Definitiv nicht. Trotzdem gibt es hierzulande immer noch viele Jobs, die zu mehr als 90 Prozent von einem Geschlecht belegt sind.

 


Mädchensache? Nicht wirklich!

Du würdest gerne eine Ausbildung in einem Frauenberuf machen, aber sobald du davon anfängst, ziehen deine Kumpel dich als „Mädchen“ auf? Lass dich davon bloß nicht abschrecken – hier zwei Ideen.

 

Erzieher/in

Die Idee des Kindergartens geht auf den deutschen Pädagogen Friedrich Fröbel zurück. Mitte des 19. Jahrhunderts gründete er die erste Einrichtung dieser Art mit einem ausgeklügelten pädagogischen Konzept.

Nur rund 5 Prozent Männer arbeiten bislang in dem Beruf – immerhin ist die Zahl der Erzieher in den vergangenen zehn Jahren um das Dreifache gestiegen. Auch du kannst ein Vorbild sein!

Dauer 3–5 Jahre

Schulabschluss Realschule

Gehalt nach der Ausbildung 1.800–2.500 Euro

 

Tiermedizinische/r Fachangestellte/r

Schon im alten Ägypten, vor 4.000 Jahren, setzte man alles daran, kranke Tiere zu heilen. Heute profitieren Hund, Katze und Maus von modernster medizinischer Technik.

Die Ausbildung kann man klassisch in einer Kleintierpraxis, in einer Tierklinik oder auch bei einem Tierarzt machen, der sich auf Nutztiere, also Schweine, Rinder und Pferde, spezialisiert hat. Bisher sind nur ungefähr 5 Prozent der Azubis männlich.

Dauer 3 Jahre

Schulabschluss Realschule

Gehalt nach der Ausbildung ca. 1.700 Euro


 

Weniger zufrieden, weniger Geld

Vor allem Auszubildende in klassischen weiblichen Berufen haben oft das Nachsehen: So hat der Deutsche Gewerkschaftsbund DGB in seinem letzten Ausbildungsbericht festgestellt, dass Auszubildende in weiblich dominierten Ausbildungsberufen insgesamt weniger zufrieden mit ihrer Ausbildung sind als Auszubildende in männlich dominierten Ausbildungsberufen. Und: Frauenberufe werden schlechter bezahlt als Männerberufe. Das beginnt schon in der Lehre: So verdienen Azubis im dritten Ausbildungsjahr laut Ausbildungsbericht in männlich dominierten Berufen im Durchschnitt 795 Euro, in Berufen, in denen vorwiegend Frauen arbeiten, 698 Euro – ein Unterschied von stolzen 100 Euro.

Doch die alten Rollenbilder weichen inzwischen auf. Die Unternehmen haben heute ein großes Interesse daran, Mädchen für klassische Männerberufe und Jungen für klassische Frauenberufe zu gewinnen. Das liegt zum einen am gesellschaftlichen Klima, zum anderen aber auch schlicht daran, dass viele Unternehmen Nachwuchssorgen haben – und der Dachdecker nun einmal eine größere Auswahl an Bewerbern hat, wenn er gezielt auch Mädchen anspricht.

 


Nur für Jungs? Von wegen!

Du bist bislang noch nicht auf die Idee gekommen, dich um eine Ausbildung in einem Männerberuf zu bewerben, weil du dir das nicht zutraust – oder du gar glaubst, das könnten Jungen besser? Dann haben wir zwei Vorschläge für dich!

 

Kraftfahrzeugmechatroniker/in

Heute unglaublich, aber zu Zeiten deiner Oma (bis 1958) mussten Frauen, die einen Führerschein machen wollten, bei Ehemann oder Vater um Erlaubnis fragen. Gut, dass sich die Zeiten geändert haben!

Die Ausbildung zum Kraftfahrzeugmechatroniker vereint die alten Berufe Kfz-Mechaniker und Kfz-Elektriker. Zu den Aufgaben gehören unter anderem Instandhaltung und Umrüstung der Fahrzeuge, aber auch Diagnosearbeiten an der Bordelektronik. Es gibt auch sehr interessante Weiterbildungen! Noch liegt der Frauenanteil bei gerade mal 2,8 Prozent.

Dauer 3,5 Jahre

Schulabschluss Hauptschule, besser Realschule

Gehalt nach der Ausbildung ca. 2.000 Euro

 


Für Autos interessieren sich nur Männer? Stimmt nicht. Um unsere kaufmännischen Ausbildungsplätze bewerben sich heute schon genauso viele Mädchen wie Jungen. Die Ausbildung ist so breit gefächert, dass hier jeder den Aufgabenbereich findet, der seinen persönlichen Vorstellungen entspricht – ob im Büro, im Verkauf oder im Lager. Für die Werkstatt interessieren sich allerdings immer noch mehr junge Männer, viele junge Frauen trauen sich das einfach nicht zu. Dabei geht es im Beruf des KFZ-Mechatronikers nicht um Muskelkraft, sondern um technisches und analytisches Verständnis – und da stehen Mädchen den Jungs nun wirklich in nichts nach.

Michael Heistermann, Geschäftsführer, Automobile J. Heddier GmbH, Haltern am See


Fachinformatiker/in

Wusstest du, dass eine Frau – Ada Lovelace (1815–1852) – die ersten komplexen Computerprogramme veröffentlichte? Nach ihr wurden sogar Programmiersprachen benannt!

Als Fachinformatikerin programmierst du neue Software oder setzt für Kunden ganze Rechnersysteme auf.

Dauer 3 Jahre

Schulabschluss Realschule

Gehalt nach der Ausbildung 1.500–2.300 Euro


 

Weil ich ein Mädchen bin?

Bereits seit einigen Jahren gibt es verschiedenste Projekte, bei denen Mädchen in Berufe hineinschnuppern können, die sie vorher vielleicht gar nicht auf dem Schirm hatten – zum Beispiel der Girls’Day (inzwischen gibt es übrigens auch einen Boys´Day!). Ebenfalls an Mädchen wendet sich die Initiative „Komm, mach MINT“. Die Abkürzung MINT steht für Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik – also Fächer, die vermeintlich eher Jungen interessieren. Ganz gezielt sollen aber auch Mädchen, die Spaß an diesen Fächern haben, unterstützt werden – denn nur dann werden sie sich auch um Ausbildungen oder Studienplätze in entsprechenden Berufen bewerben.

 


Der Girls’ Day ist für uns bei REWE sehr wichtig. Wir wollen Mädchen gerade auch für unsere Technikberufe interessieren. Sie können an dem Tag mit fachkundiger Betreuung durch unsere Azubis den Logistik- und Technikbereich erkunden und erhalten Informationen zu den Ausbildungsberufen Fachkraft für Lagerlogistik und Berufskraftfahrer/in, in denen heute ja eher noch Männer tätig sind. Aber wir arbeiten daran, das zu ändern.

Julia Mahltig, Personalentwicklung, REWE Dortmund SE & Co. KG.

 

 

Foto: SiStock