Warum so schüchtern?

Du bekommst schon bei dem bloßen Gedanken an eine Bewerbung oder ein Vorstellungsgespräch eine Krise? Das muss nicht sein. So überwindest du deine Schüchternheit, ohne dich zu verstellen.

Schüchternheit hat meist zwei Seiten: Fällt es dir schwer, mit fremden Menschen oder vor größeren Gruppen zu reden, obwohl du an dich glaubst – oder weil du nicht an dich glaubst? Im ersten Fall hilft es dir, dich ein bisschen locker zu machen und einfach mal mit guten Freunden zu trainieren und zu sprechen. Im zweiten Fall musst du zusätzlich noch ein bisschen an deinem Selbstwertgefühl arbeiten. So paradox es klingt: Schüchterne werden von außen manchmal sogar für arrogant gehalten, weil sie sich nicht einbringen. Tenor: „Der hat es wohl nicht nötig, sich dazu zu äußern!“ Sich das bewusst zu machen, hilft möglicherweise schon dabei, die ein oder andere Blockade zu lösen.

 


ÜBUNG

ERSTELLE DEIN GANZ PERSÖNLICHES PROFIL – UND ZWAR OFFLINE!

Für die Vorbereitung einer Bewerbung kann es nützlich sein, sich ein Profil anzulegen – nicht in den sozialen Medien, sondern einfach auf einer DIN-A4-Seite für dich selbst:

  • Schreibe auf, was du gerne machst und schon gemacht hast. Praktika, Hobbys, AGs, die du besucht hast – alles gilt.
  • Frage außerdem deine Freunde und deine Familie, was sie gut an dir finden, und schreibe das ebenfalls auf die Liste.

Jetzt folgt die Analyse: Stimmt das, was dir Spaß macht bzw. was du gut kannst, mit dem überein, was andere von dir halten, wie sie dich sehen? Unterschiede können dabei ebenso aufschlussreich sein wie Gemeinsamkeiten, denn gerade sie geben dir vielleicht einen Anstoß, mal etwas Neues auszuprobieren.

Dabei musst du dich nicht verbiegen: Deine Eltern glauben, du wärst gut in der Bank aufgehoben, weil du top Leistungen in Mathe hast? Aber du bekommst Kopfschmerzen bei dem Gedanken an den täglichen Kontakt mit Bankkunden? Dann lass die Finger von dem Beruf. Mit einer Bewerbung wirst du nur überzeugen, wenn du hinter dem stehst, wofür du dich bewirbst.

Generell gilt: Je mehr Interesse und Freude man an einem Thema hat, umso leichter fällt es einem, darüber zu schreiben und zu reden. Allerdings kann es im Vorfeld auch nicht schaden, in Berufe, die dir von Familie und Freunden vorgeschlagen werden, mal hineinzuschnuppern – vielleicht entdeckst du ungeahnte Talente, die in dir schlummern?!

 


 

SO GEHT’S

EINE SELBSTBEWUSSTE BEWERBUNG FORMULIEREN

Bei einer Bewerbung stehst du im Mittelpunkt – und du musst etwas über dich schreiben, auch wenn es dir schwerfällt. Dabei ist es manchmal gar nicht so schlecht, schüchtern zu sein. Denn du wirst deine Worte möglicherweise mit mehr Bedacht wählen als jemand, der von Hause aus selbstbewusst auftritt und in der Bewerbung dann zwar mit vielen tollen Worten um sich wirft, aber wenig aussagt.

Tatsächlich musst du dich selbst nicht über den grünen Klee loben – das wird den Leser eher irritieren. Geh das Ganze also eher „faktisch“ an – ein Beispiel:

Du bewirbst dich als Tischler?

Schritt 1: Schau in die Stellenbeschreibung und überlege dir, welche Eigenschaften dafür gefragt sind. Handwerkliches Geschick, Genauigkeit, Kreativität?

Schritt 2: Nimm nun deine Liste von oben und vergleiche. Du hast letztes Jahr mit deinem Vater ein neues Gartenhaus aufgebaut? Dann scheinst du ja handwerklich begabt zu sein. Du pflegst deine Modelleisenbahn und bemalst die Figuren selbst? Dafür braucht man Kreativität und muss präzise arbeiten.

Schritt 3: Jetzt hast du Futter für die Bewerbung!

 

Tipp: Wenn du in deinem Lebenslauf Hobbys angibst, überlege, welche nützlich für die Ausbildung sind. Netflix und Chillen sagen nicht wirklich etwas darüber aus, ob du dich für den Job eignest.

 


 

TIPPS

ZÄHNE AUSEINANDER FÜR EIN GUTES FOTO

Auch wenn du nicht der King oder die Queen der Selfies bist und es dir bei dem Gedanken, dich vor einer Kamera zu präsentieren, graut: Ohne Foto keine Bewerbung.

Tipp 1: Selbstverständlich muss dein Outfit zur Ausbildung, auf die du dich bewirbst, passen. Wenn du dich allerdings im Anzug fühlst wie ein Zirkusäffchen, wird man das den Fotos ansehen. Zieh also lieber etwas an, das angemessen ist, aber in dem du dich wohlfühlst.

Tipp 2: Nimm einen Vertrauten mit zum Fotografen. Dann fällt es dir leichter, dich in der neuen Umgebung zu entspannen.

Tipp 3: Geh offensiv mit deiner Schüchternheit um: Du oder deine Begleitung können dem Fotografen ruhig im Vorfeld sagen, dass du eher schüchtern bist. Ein guter Fotograf wird dann ein bisschen mehr Zeit einplanen, damit du dich erst mal eingewöhnen kannst, bevor losgeknipst wird.

Tipp 4: Setz dich nicht unter Druck: Du musst keine Rolle spielen und perfekt posen – schließlich willst du mit deinem Bewerbungsfoto nicht Likes auf Instagram erzielen, sondern ein „Gefällt mir“ von einem Personalchef – und da zählt Echtheit. #nofilter

Wenn du deine Bewerbung fertig zusammengestellt hast, ab in die Post oder die Mail damit. Nun kannst du dir Zeit nehmen und dich auf Vorstellungsgespräche vorbereiten. Nicht jede Bewerbung wird auch zu einer Einladung führen. Lass dich also nicht entmutigen, wenn nicht alles sofort klappt. Das hat nichts mit deiner Schüchternheit oder dir persönlich zu tun: Auch Klassenkameraden, die cool auftreten, bekommen Absagen auf Bewerbungen.

 


 

TRICKS

SO KLAPPT DAS MIT DEM VORSTELLUNGSGESPRÄCH

Schüchterne müssen sich auf ein Vorstellungsgespräch in der Tat besser vorbereiten als diejenigen, denen das Reden leichtfällt. Diese Tricks helfen:

Trick 1: Informiere dich noch einmal genau über den Betrieb, bei dem du dich vorstellst. Sichte den Internetauftritt des Unternehmens oder deiner Zeitung und schau nach, welche aktuellen Nachrichten es gibt. Dann hast du schon mal Stoff für das Gespräch im Kopf und kommst nicht ins Stottern, wenn dich der Personalchef darauf anspricht.

Trick 2: Lies dir deine Bewerbung noch mal genau durch. Je besser du vorbereitet bist, desto sicherer wirst du im Gespräch sein.

Trick 3: Schreib dir einen Spickzettel. Das hilft dir, Informationen zu speichern. Auch Fragen, die du vielleicht an deinen zukünftigen Arbeitgeber hast, kannst du aufschreiben. Den Spickzettel kannst du zum Gespräch mitnehmen, lässt ihn aber dort in der Tasche. Allein das Wissen, dass er da ist, hilft.

Trick 4: Frag deine Familie oder deine Freunde, ob ihr das Vorstellungsgespräch in einem Rollenspiel üben könnt. Lass ruhig auch verschiedene Personen den/die Personalchef/in spielen. Du wirst merken, die Fragen sind immer ähnlich und so ist es auch in richtigen Vorstellungsgesprächen. Fang am Anfang mit einem einzigen Gegenüber an und versuche später, eine zweite Person mit dazuzunehmen. Dieser Beobachter kann dich auf Dinge aufmerksam machen, die dem anderen entgehen – zum Beispiel, ob du viel rumzappelst. Ist das der Fall, könntest du dich im Gespräch an einem Kugelschreiber „festhalten“. So kommst du nicht in Versuchung, die Arme zu verschränken oder die Hände unterm Tisch zu verstecken. Aber bitte nicht mit dem Kugelschreiber klicken! Übe diese Art von Gespräch auch alleine vorm Spiegel. Dadurch wirst du nicht weniger schüchtern, aber die Angst wird jedes Mal ein bisschen weniger.

Im Gespräch selbst gilt: Lass dir Zeit! Wenn du mal einen Hänger hast oder über eine Frage erst nachdenken musst: Sag es einfach. Auch Personalverantwortliche sind Menschen und wollen tatsächlich auch solche als Auszubildende einstellen. Niemand braucht eine „Azubi-Maschine“. Es ist also überhaupt nicht schlimm, dass du nervös oder schüchtern bist. Steh einfach dazu, das macht sympathisch. Solange du dich nicht ausgerechnet für Berufe bewirbst, in denen du jede Menge Kundenkontakt hast, hat deine Schüchternheit nicht das Geringste mit deiner Qualifikation zu tun!

 

 


 

Dein Auftritt, bitte

Ohne einen guten Trainer geht im Fußball nichts. Manchmal braucht man aber auch jenseits des Fußballfelds eine Extraportion Motivation oder Know-how. Deine Schüchternheit hat dich so fest im Griff, dass sich in deinem Kopf alles dreht, wenn du nur an die Bewerbungssituation denkst? Dann sprich mit deinen Eltern, damit sie dir ein Coaching ermöglichen. Ein Coaching ist eine Investition in die Zukunft – und alles, was du sagst oder tust, bleibt zwischen dir und dem Trainer.

Individuelle Coachings für Bewerbungen sind bei Erwachsenen ganz und gäbe – und es gibt Trainer, die sich auch auf Jugendliche spezialisiert haben. Dabei geht es nicht nur um das Schreiben von Bewerbungen, sondern auch um „Selbstmarketing“, d. h. ein überzeugendes Auftreten. Hier findest du Kurse mit anderen und Coachings für dich alleine:

  • Rhetorik-Kurse bei Weiterbildungseinrichtungen vermitteln das Handwerkszeug für den sicheren Auftritt: Die VHS Dortmund hatte zuletzt auch Kurse speziell für Schülerinnen und Schüler im Angebot. Dozent war der Wuppertaler Hans Kronawitter.
  • Ein spezielles Jugendcoaching in Dortmund bietet das Team von www.coachteam.de an. An einem Wochenende kannst du – gemeinsam mit anderen Jugendlichen – lernen, dich auf deine eigenen Wünsche und Ressourcen zu besinnen und Zugang zu deinen Stärken zu gewinnen. Dadurch gewinnst du enorm viel an Selbstwertgefühl und Selbstvertrauen.
  • Individuelle Kurse zur Vorbereitung für die Bewerbung und das Gespräch werden auch von www.hildebrandcoaching.de angeboten. Die Preise starten bei 70 Euro pro Stunde.

Extra-Tipp: Über die Berufsberaterinnen und Berufsberater der Agentur für Arbeit oder das Jobcenter kannst du ein individuelles und für dich kostenfreies Bewerbungscoaching bekommen.

 

 

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